Freie Vortragssitzungen, Samstag, 28. 9. 2019

 
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Saal 1 10:15 - 11:30 28.09.2019
Freie Vortragssitzung Sa09
Strabologie und Neuroophthalmologie // Strabology and Neuroophthalmology
Birgit Lorenz, Klinikdirektorin (Gießen)
Michael P. Schittkowski (Göttingen)
Michael Gräf (Gießen)
Hintergrund: Nystagmusoperationen dienen meist der Korrektur einer Kopfzwangshaltung (KZH) bei exzentrisch gelegener Nystagmusruhezone. Die Kestenbaum-Operation (KO) verschiebt die Ruhezone durch beidseitige Rücklagerung der in KZH aktiven Agonisten und gleichzeitige Verkürzung der Antagonisten. Die Anderson-Operation (AO) beschränkt sich auf die Rücklagerung der Agonisten. Ein direkter Langzeitvergleich beider Verfahren fehlt. Wir verglichen Ergebnisse hoch dosierter AO und KO zur Korrektur einer Drehungs-KZH. Patienten und Methoden: Bei 24 konsekutiven Orthotropen mit infantilem Nystagmus und KZH wurde eine hochdosierte AO durchgeführt. Zuvor hatten 21 Orthotrope mit infantilem Nystagmus und KZH eine KO erhalten. Mediane und Streubreiten (min–max) in den Gruppen AO / KO: Alter bei OP: 7(4–44)J / (4–27)J; KZH: 35°(20–40) / 30°(17–40); Operationsstrecke pro Auge: AO 13(10–16)mm Rücklagerung / KO 10(6–12)mm Rücklagerung kombiniert mit 10(6–12)mm Resektion/Faltung (im Mittel 0,6 mm/°KD). Ergebnisse: Die KZH betrug nach 3 Monaten 10°(-3–20) / 10°(-7–20). Sie war um 75(33–109)% / 71(33–123)% reduziert. Eine KZH von ≤15°war in 96% / 76% erreicht. Nach 8–153 Monaten betrug die KZH 12°(0–20) / 10°(-27–30). Sie war damit um 65(20–100)% / 70(14–190)% reduziert. Eine Umkehr der KZH trat nur nach KO auf. Ohne diese 2 Fälle betrug die Reduktion der KZH 64(14-100)%. Eine KZH von ≤15deg erreichten 75% / 81% der Patienten (93% nach AO≥13mm; n=15). Schlussfolgerung: Zwischen der frühen und späten Kontrolle nahm die Wirkung sowohl der AO wie der KO im Mittel/Median etwas ab. Die hochdosierte AO ist eine vorteilhafte Alternative zur KO. Sie ist weniger invasiv und zeitaufwändig als die KO und lieferte eine vergleichbar hohe Rate zufriedenstellender Ergebnisse.
Julia Fricke (Köln)
Purpose: In some patients with complex and rare ocular motility disorders conventional strabismus surgery is insufficient to correct for large angles of squint or residual head postures. Surgery with tendon elongation allows for correction of larger angles and maintains a sufficient arc of contact for rectus muscles. It is widely used in patients with Graves´ Orbitopathy. We report results with bovine pericardium (Tutopatch®) for tendon elongation beyond this indication. Methods: We reviewed the records of all patients who underwent surgery with tendon elongation in our institution. Angles of squint and head postures were analyzed preoperatively, on the first postoperative day and in the long term (median 9 weeks postoperatively). Patients with Graves’ Orbitopathy were excluded. Results: From 2011 to 2018, the procedures on 58 eyes of 54 patients (35 females, 19 males, median age 35 years, range 3-75 years) fulfilled the inclusion criteria. Indications in horizontal rectus muscle surgery (53 eyes) comprised secondary/ consecutive strabismus, Duane’s retraction syndrome with eso/exo deviation, 6th nerve palsy, 3rd nerve palsy, Möbius syndrome, congenital fibrosis of the extraocular muscles (CFEOM) and orbital apex syndrome. Indications in vertical rectus muscle surgery (5 eyes) comprised myasthenia, vertical tropia after orbital floor fracture, CFEOM and Parry-Romberg syndrome. 42 eyes had had eye muscle surgery before (1 to 5 procedures, median 1.5). The median length of the implant was 10mm (6 to 14mm). Longterm data are available for 39 patients. All but two patients showed a reduction of squint angle, 19 of the patients (48%) had a squint angle of 10^ or less. One patient had a significant over-effect. For consecutive and secondary eso- and exotropias (n=7 eyes), the median horizontal angle was reduced from 34 prism dioptres (^) (16 to 45^) preoperatively to 10^ (0 to 40^), for Duane’s retraction syndrome (n=13) from 25^ (9 to 35^) to 4^ (0 to 40^), for sixth and third nerve palsies (n=12) from 43^ (20 to 75^) to 18^ (4 to 40^). For 2 patients with vertical rectus muscle surgery the median vertical angle was reduced from 37,5^ (30 and 45^) preoperatively to 13^ (4 and 22^). Results of indications that were represented by single patients are not mentioned above. Conclusions: Strabismus surgery with bovine pericardium introduces new surgical options for complicated revisions and for rare and complex oculomotor dysfunctions.
Anna Leszczynska (Dresden)
Einführung: Bei der endokrinen Orbitopathie (EO) kommt es zum narbigen Umbau des Orbitagewebes. Durch die Verkürzung und reduzierte Dehnbarkeit der betroffenen Augenmuskeln kommt es zur Fehlstellungen der Augen mit daraus resultierenden Doppelbildern. In schweren Fällen ist eine alleinige Rücklagerung des Muskels nicht ausreichend. Zur Verlängerung der Muskelsehne kann ein Fertigpräparat aus bovinem Pericard (Tutopatch) verwendet werden. Ziel: Evaluation der postoperativen Effekte nach einer Tutopatch–Implantation. Methode: Im Zeitraum von 2014-2018 erhielten 9 EO-Patienten eine Verlängerung des unteren geraden Augenmuskels. Die Länger des implantierten Interponats betrug bei 6 Patienten- 10 mm, bei 3 Patienten- 6 mm. Bei 4 Patienten erfolgte zusätzlich eine Rücklagerung des Muskelkomplexes (2-8 mm). Die Kontrollen erfolgten am postoperativen Tag sowie 3 und 6 Monate später. Ergebnisse: Die Höhenabweichung (VD) reduzierte sich von präoperativ 23.5° (Range: 9-35°) auf 5.2° (0-14°) am postoperativen Tag und auf 1.5° (0-3°) nach 6 Monaten. Die Hebung der Augen verbesserte sich von präop. 2.2 mm (0-7 mm) auf 6 mm (5-10 mm) bei unveränderter Senkungsfähigkeit. Bei 2 Patienten mit präoperativ aufgehobener Hebung zeigte sich unmittelbar postoperativ ein Restschielwinkel von entsprechend 11 und 14° der sich nach 6 Monaten spontan auf 3° reduzierte. 6 Monate postoperativ waren alle Patienten mit dem Ergebnis sehr zufrieden und wiesen im Gebrauchsblickfeld keine störenden Doppelbilder mehr auf. Es traten keine Komplikationen auf. Fazit: Die Muskelverlängerung mit dem Tutopatch zeigt bei Patienten mit endokriner Orbitopathie sehr gute und sichere Ergebnisse. Die Prozedur ermöglicht eine erfolgreiche Korrektur größerer Schielwinkel sowie eine Verbesserung der Motilität. Bei Patienten mit ausgeprägter restriktiver Komponente (präop. aufgehobene Hebung) ist durchaus mit weiterer Befundbesserung im Zeitraum von bis zu 6 Monaten zu rechnen.
Eva Lachmann (Hamburg)
Fragestellung: Vergleichende Analyse der Refraktions- und Topographieveränderungen nach Augenmuskeloperationen Methodik: Es wurde präoperativ sowie postoperativ am ersten Tag und nach drei Monaten die Refraktion erhoben, sowie mittels der Pentacam die corneale Topographie untersucht. Die Patienten wurden entsprechend der durchgeführten Operation in fünf Gruppen (Gruppe 1: 1 gerader Muskel, Gruppe 2: 2 gerade Muskeln, Gruppe 3: Operation an einem schrägen Augenmuskel, Gruppe 4: kombinierte Operationen an geraden und schrägen Augenmuskeln, Gruppe 5: Operation an beiden schrägen Augenmuskeln) unterteilt. Um die Unterschiede zwischen den Gruppen zu vergleichen, wurde ein T-Test für unabhängige Stichproben verwendet. Ergebnisse: Präsentiert werden erste Ergebnisse der vergleichenden Analyse von Refraktions- und Topographieveränderungen nach Augenmuskeloperationen. Es zeigten sich in der Gruppe 1 (Operation an einem geraden Augenmuskel) eine Sphäre von 3,4 ±2,34 dpt und ein Zylinder von -0,77 ± 0,47 dpt präoperativ. Direkt postoperativ zeigten sich eine Sphäre von 3,07 ± 1,89 dpt und ein Zylinder von -1,14 ± 0,61dpt. Die Veränderungen waren statistisch nicht signifikant (p > 0,05). Zudem konnten wir eine erhöhte zentrale Pachymetrie nachweisen (präoperativ 574,09 ± 24,97 vs. 587,63 ± 25,51 am ersten postoperativen Tag.) Jedoch war diese Veränderung statistisch nicht signifikant. In der Gruppe 2 (kombinierte Operation an 2 geraden Muskeln) konnten wir präoperativ eine Sphäre von 3,41 ± 1,63 und einen Zylinder von -1,53 ± 1,03 nachweisen. Am ersten postoperativen Tag konstatierten wir eine Sphäre von 3,53 ± 1,53 dpt und einen Zylinder von –1,81 ± 0,69 dpt. Auch hier zeigte sich eine Erhöhung der Pachymetrie im Vergleich zwischen den präoperativen Daten und dem ersten postoperativen Tag. Alle angesprochenen Werte zeigten keine statistisch signifikanten Veränderungen. Die Daten der Abschlussuntersuchungen nach drei Monaten werden in Kürze erwartet. Schlussfolgerung: Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass bei der ersten Zwischenanalyse unserer Patienten in keiner unserer Gruppen statistisch signifikante Unterschiede hinsichtlich der Sphäre, des Zylinders oder der Pachymetrie gezeigt werden konnten.
Viktoria Constanze Brücher (Münster)
Fragestellung: Zur Analyse der makulären Ganglienzellschichtdicke (MG) bei Patienten mit Foveahypoplasie (FH) mit und ohne okulären Albinismus. Vorarbeiten zeigten eine temporale Reduktion der MG bei Albinismus-Patienten. Methoden: Bei Patienten mit FH aufgrund von Albinismus (n=13, Albinismus-FH) und anderer Ursachen (n=10, Nicht-Albinismus-FH) wurde die mittlere MG in 9 Arealen analysiert. Dazu wurden retrospektiv zwischen 2013 und 2018 SD-OCT-Scans segmentiert und mit einem gesunden Kontrollkollektiv (n=15) verglichen. Hauptaugenmerk wurde auf die MG foveolar (zentral), perifoveolar (nasal I und temporal I), sowie parafoveal (nasal II und temporal II) gelegt. Ergebnisse: Erwartungsgemäß zeigte die zentrale MG bei FH mit und ohne Albinismus keine Reduktion im Vergleich zum gesunden Normalkollektiv (p< 0.001, p=0.005). Die temporalen MG-Areale II und I waren signifikant erniedrigt bei Albinismus-bedingter FH im Vergleich zum gesunden Kollektiv (p< 0.001, p< 0.001), jedoch zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen Albinismus-FH und Nicht-Albinismus-FH (p=0.604, p=0.366). Interessanterweise war die beste Option zur Diskriminierung dieser beiden Gruppen die Kalkulation des MG-Quotienten (temporal II / nasal II), der ab einem Wert < 0,7169 mit einer Spezifität von 84,6% und einer Sensitivität von 100% auf einen Albinismus hinwies. Die geschätzte Fläche unter der Kurve betrug dabei 0,892 [95%KI: 0.743 -1.000, p=0.002]. Schlussfolgerung: Der Quotient der temporalen durch nasalen MG ist als Diagnosekriterium bei FH in der Lage, einen okulären Albinismus zu identifizieren und von anderen FH Formen abzugrenzen.
Caroline Gietzelt (Köln)
Hintergrund: Bei Okulokutanem Albinismus sind die Phänotypen hinsichtlich Ausprägung eines Nystagmus, visueller Entwicklung und bestkorrigierter Sehschärfe sehr variant. Diese Varianz kann auch intrafamiliär bei gleichem Genotyp einer ursächlichen Mutation sehr groß sein. Methodik: Wir berichten über eine aus Syrien stammende Familie mit rezessiv vererbtem Okulokutanem Albinismus (OCA). 4 von 5 Kindern der konsanguinen Eltern (Cousin und Cousine) sowie die Schwester des Vaters sind betroffen. Nach klinischer Untersuchung und genetischer Diagnostik bei 2 betroffenen Familienmitgliedern konnte das Krankheitsbild gesichert werden. Zur Einordnung der Befunde führten wir eine systematische Literaturrecherche zur Visusvariabiliät und intrafamiliären Variabilität bei Albinismus durch. Ergebnisse: Bei den Patienten lag eine homozygote Mutation im Tyrosinase-Gen (c.1037-7T>A) vor und somit ein gesicherter Okulokutaner Albinismus Typ 1. Da eine gewisse Haut- und Haarpigmentierung und damit eine Restaktivität der Tyrosinase vorlag, handelte es sich um einen OCA Typ 1B. Alle von uns untersuchten Familienmitglieder zeigten einen horizontalen Pendelrucknystagmus von unterschiedlicher Frequenz und Amplitude sowie eine Foveahypoplasie. Bei den von uns untersuchten betroffenen Familienmitgliedern lag die geringste Sehschärfe bei 0,16, die höchste bei 0,8 dezimal. Die erreichte Sehschärfe von Patienten mit Albinismus geht mit multiplen Faktoren einher, so mit dem Ausmaß der Foveahypoplasie, der Art und Stärke des Nystagmus, der pigmentabhängigen Reifung der Macula und des primären visuellen Kortex und der Refraktionsanomalie in Zusammenhang mit dem Zeitpunkt der Erstkorrektur. In der Literatur finden sich durchschnittliche Visusangaben von 0,16 für den OCA1A und 0,4 bis 0,5 für OCA1B und OCA2. Allerdings zeigen sowohl die Fallberichte aus der Literatur als auch unser Fallbeispiel, dass es eine erhebliche Variabilität bei gleicher genetischer Konstellation und auch innerhalb einzelner Familien bezüglich des erreichten Visus gibt. Schlussfolgerungen: Die erreichte bestkorrigierte Sehschärfe von Patienten mit Albinismus variiert stark. Allein aufgrund von genetischen Befunden lässt sich keine prädiktive Aussage über die Visusentwicklung von Kindern mit OCA treffen.
Achim Fieß (Wiesbaden)
Fragestellung: Niedriges Geburtsgewicht ist mit einer veränderten Augengeometrie und myopem Refraktionsfehler im Erwachsenenalter verbunden. Das Ziel dieser Studie war es zu untersuchen, ob ein myoper Refraktionsfehler bei Erwachsenen mit einem niedrigen Geburtsgewicht mit Veränderungen des vorderen Augensegments oder der Achsenlänge im Vergleich zu Erwachsenen mit normalem Geburtsgewicht verbunden ist. Methoden: Für die vorliegende Analyse wurden Teilnehmer der Gutenberg-Gesundheitsstudie (GHS) mit selbstberichtetem Geburtsgewicht im Alter von 40 bis 80 Jahren in eine Fall-Kontroll-Studie einbezogen. Zu den ophthalmologischen Parametern gehörten die objektive Refraktion (Humphrey Automated Refractor / Keratometer (HARK) 599) und die optische Biometrie (LenStar 900, Haag-Streit). Teilnehmer mit niedrigem Geburtsgewicht wurden mit Teilnehmern mit normalem Geburtsgewicht nach Geschlecht, Alter und sphärischem Äquivalent 1:1 in eine eingebettete Fall-Kontroll-Studie eingeschlossen. Eine bedingte logistische Regressionsanalyse wurde durchgeführt, um Zusammenhänge zwischen Geburtsgewicht und Augengeometrie zu untersuchen. Durch die Auswahl der Kontrollen waren die beiden Gruppen In Bezug auf Alter, Geschlecht und Refraktionsfehler vergleichbar. Ergebnisse: Insgesamt wurden 522 Augen von Teilnehmern mit niedrigem BW und 522 Augen von normalen BW-Teilnehmern mit gleichem Alter, Geschlecht und sphärischem Äquivalent in diese Analyse einbezogen. Trotz der gleichen Refraktion zeigte die niedrige BW-Gruppe einen steileren Hornhautradius, eine höhere Hornhautbrechkraft und ein geringeres axiales Längen-Hornhautbrechkraftverhältnis im Vergleich zur normalen Geburtsgewichtsgruppe. In der konditionalen logistischen Regressionsanalyse wurde ein Zusammenhang zwischen höherer Hornhautbrechkraft und niedrigem Geburtsgewicht beobachtet (OR=1,46; p< 0,001), nicht jedoch zwischen axialer Länge und Geburtsgewicht (OR=0,79; p=0,10). Schlussfolgerungen: Unsere Daten deuten darauf hin, dass ein niedriges Geburtsgewicht zu Veränderungen des vorderen Augenabschnitts führt, unabhängig vom Refraktionsfehler.