Gesundheitspolitische Sitzungen – Versorgung und Versorgungsforschung

Die Bevölkerung in Deutschland wird immer älter und stellt die Ophthalmologie vor große Herausforderungen. Der diesjährige Kongress beschäftigt sich in fünf Symposien mit der Versorgungsforschung, mit zukünftigen Aspekten der ambulanten und stationären Versorgung und dem Stellenwert protokollgestützter Register im Zeitalter von „Big Data“.

Ophthalmologische Versorgung in Deutschland: Wo stehen wir?

Der Stellenwert ophthalmologischer Versorgungsforschung nimmt sowohl durch die zunehmende Alterung der Bevölkerung als auch den gesundheitspolitischen Fokus weiter zu. Auch die wirksamsten Therapien nützen nichts, wenn kein Zugang hierzu besteht, sie in der Routineversorgung nicht umgesetzt werden oder für die Betroffenen nicht durchführbar sind. Daher ist die Beforschung von versorgungsrelevanten Themen wie dem steigenden Bedarf und der Umsetzung von Evidenz und Therapieadhärenz zunehmend wichtiger. In diesem Symposium werden verschiedene Herangehensweisen der Versorgungsforschung vorgestellt und deren Chancen und Grenzen aufgezeigt. Erste Ergebnisse zur Therapieadhärenz in Deutschland und deren beeinflussende Faktoren werden vorgestellt. Diese werden sowohl für Wissenschaftler als auch Kliniker gut zugänglich und praxisrelevant präsentiert. Herausgegriffen werden dabei Therapien zum Glaukom und der neo-vaskulären AMD. Derzeit bestehende Hürden in der ophthalmologischen Versorgung sollen exemplarisch an der Versorgung im Seniorenheim aufgezeigt werden.

Die Zukunft der ambulanten und stationären Versorgung in der Augenheilkunde

Aktuelle und zukünftige Aspekte der ambulanten und stationären Versorgung in der Augenheilkunde werden diskutiert. Der Fokus liegt dabei auf der Verzahnung ambulanter und stationärer Versorgung in der Augenheilkunde und der Investorengetriebenen Medizin.

Versorgungsforschung im Zeitalter von „Big-Data“: Brauchen wir noch protokollgestützte Forschung?

Im Zeitalter von „Big Data“ wird oftmals postuliert, dass die Versorgungsrealitäten am genauesten über die Sekundärnutzung von Behandlungsdaten zu erforschen sind. Dies könnte bedeuten, dass kostenintensive protokollgestützte Register oder Kohortenstudien als obsolet anzusehen sind. In diesem Symposium werden die Möglichkeiten und Grenzen von „Big Data“ und „klassischer“ Versorgungsforschung diskutiert.

In diesem Jahr sind das unter anderem folgende Sitzungen:

 
dt/engl
Posterkabinett 6 13:45 - 14:45 28.09.2019
Postersitzung PSa06
Versorgungsforschung und IT // Health Care Research and IT
Caroline Brandl (Regensburg)
Georg Michelson (Erlangen)
Lydia Marahrens (Tübingen)
Fragestellung: Für die interdisziplinäre Kommunikation spielen Arztbriefe und Befundbögen als Instrument der Kommunikation und des Informationstransfers eine zentrale Rolle. Die vorliegende Arbeit ist eine versorgungswissenschaftliche Analyse der Informationen von Augenärzten, wie sie auf der Empfängerseite vorliegen. Methode: In der Diabcheckoct+-Studie wurden in 3 DSP insgesamt 810 Patienten mit Diabetes mellitus untersucht. Diabetesrelevante Daten sowie die augenärztlichen Befundberichte wurden aus der elektronischen Patientenakte (EPA) entnommen. Es erfolgte eine Klassifizierung der Berichte in 8 verschiedene Formen sowie eine Analyse nach Aktualität und inhaltlichem Aufbau entsprechend den Vorgaben der aktuellen NVL zur Prävention und Therapie der diabetischen Retinopathie (DR). Unterschiede zwischen den Gruppen wurden bei stetigen normal verteilten Variablen mittels Varianzanalyse ermittelt, bei kategorialen Variablen mittels χ2-Test. Ein p-Wert < 0,05 wurde als signifikant gewertet. Ergebnisse: Es wurden 474 augenärztliche Befundberichte untersucht, erstellt von 199 Augenärzten in 145 verschiedenen Augenarztpraxen. 26,2% der Dokumente wurden elektronisch generiert, 73,8% handschriftlich verfasst. 54,3% waren Standardformularbögen nach Vorgaben der NVL, 20,4% selbst entworfene Formulare der Augenärzte und 14,7% ausführliche Briefe. Die Prävalenz der DR in Standardformularen war 11,6% (30/258), in ausführlichen Briefen 34,3% (24/70). 74,7% (577/772) der Patienten besuchten in den letzten 12 Monaten einen Augenarzt, wobei die Augenarztberichtsquote bei 39,5% (228/577) lag. Die Gesamtdokumentationsquote über die gesetzlich vorgeschriebene Aufbewahrungspflicht von 10 Jahren betrug für alle DSP insgesamt 61,9% (472/762). Das mittlere Alter der Dokumente lag bei 19,1 [95%-KI: 17,3; 20,8] Monaten. Bei Patienten mit einem HbA1c-Wert >8,5% lag das mittlere Alter der Dokumente bei 29,9 Monaten, bei HbA1c-Werten ≤6,5% bei 15,0 Monaten. Für individuelle ausführliche Briefe lag es bei 26,2 Monaten, für Formulare bei 17,0 Monaten. Schlussfolgerung: Optimierungspotential der augenärztlichen Kommunikation mit DSP zeigte sich in einer niedrigen Berichtquote und geringen Aktualität der Dokumente in der EPA der DSP. Ausführliche Briefe wurden v.a. bei Patienten mit DR eingesetzt, Standardformulare für Normalbefunde. Die hohe Anzahl handgeschriebener Dokumente war ein Hinweis auf Organisationsreserven z.B. mittels Digitalisierung oder vereinfachtem Befundaustausch.
Robert Kromer (Hamburg)
Fragestellung: In den USA wurden 2015 schätzungsweise 2,7 Billionen US-Dollar für die Gesundheitsversorgung ausgegeben. Neben der Notwendigkeit von politischen Reformen und klinischer Effizienz ist das Streben nach Steigerung der operativen Effizienz entscheidend, um die wachsende Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen zu decken. Einer der Hauptfaktoren der operativen Effizienz im ambulanten Bereich ist die Einhaltung von Terminen durch den Patienten. Abgesehen von der inhärenten Komplexität der Gestaltung eines geeigneten klinischen Terminsystems haben Kliniken mit dem Terminverhalten der Patienten zu kämpfen – insbesondere bei Patienten, die nicht rechtzeitig erscheinen. Ziel der Studie war es, einen auf Künstlicher Intelligenz basierten Ansatz zur Vorhersage der Patientenpünktlichkeit zu entwickeln, ein Terminsystem zu optimieren und dies im Hinblick auf die wirtschaftliche Wirksamkeit zu bewerten. Methodik: Die aktuelle Studie nutzt alle digital verfügbaren Informationen im Krankenhaus-Informationssystem einer tertiären ophthalmologischen Klinik in Deutschland von 2009 bis 2016. Der Künstliche Intelligenz Algorithmus wurde mittels 80% der Daten trainiert. Die ökonomische Auswertung erfolgte auf Basis der Vorhersage der verbleibenden Daten und deren Auswirkungen auf verschiedene Einbestellsysteme. Ergebnisse: Insgesamt wurden 1,7 Millionen Datenpunkten (klinische Daten, Terminmerkmale, Fahrzeit, Wetter) für 50.726 Termine in die Auswertung eingeschlossen. Patienten erschienen im Mittel 46,3 Minuten verspätet zu ihrem Termin. In jedem evaluierten Einbestellsystem zeigte sich eine Reduktion der Überstunden ohne erhöhte Wartezeiten bei Einsatz der auf Künstlicher Intelligenz basierten Vorhersage der Pünktlichkeit. In wirtschaftlichen Zahlen bedeutet dies im Rahmen des Modells ein Einsparpotenzial von 9.120 € pro Jahr und täglich 10 Patienten, die von einem Arzt und einer Arzthelferin betreut werden. Schlussfolgerung: Die Studie zeigt, dass Pünktlichkeit – welche in den meisten Planungsstudien ignoriert oder als konstant angenommen wird – vorhersagbar ist und bei Integration in ein Terminsystem einen enormen Wert hat, in Form von reduzierten Personalüberstunden und damit reduzierten Kosten. Zukünftige Arbeiten könnten eine prospektive Studie beinhalten, in der die vorhergesagte Pünktlichkeit in das klinische Terminsystem integriert wird und die sich ändernde Wartezeit der Patienten sowie die Überstunden des Personals gemessen werden.
Philipp Rating, Oberarzt (Essen)
Fragestellung: Die Zunahme der Migration seit 2015 wird als europäische Flüchtlingskrise bezeichnet. Die Veränderung der Zusammensetzung der Bevölkerung lässt eine Verschiebung der Diagnosen in der Krankenversorgung vermuten. Wie ist die ambulante ophthalmologische Versorgung von Patienten mit Migrationshintergrund in einem Krankenhaus der Maximalversorgung im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland? Methodik: Es erfolgte eine retrospektive Auswertung von Patienten, die im Zeitraum von 1/ 2014 bis 3/ 2019 ambulant in unserer Klinik behandelt wurden und über eine Asylstelle oder ein Sozialamt abgerechnet worden waren. Die patientenbezogenen Daten Alter, Geschlecht und ophthalmologische Diagnosen nach ICD-10 wurden einer der Liste entnommen und gegebenenfalls aus Patientenakten ergänzt. Die Diagnosen wurden statistisch ins Verhältnis zu Patientenalter und Geschlecht gesetzt. Die Daten wurden deskriptiv unter epidemiologischen Gesichtspunkten zusammengefasst und nach Literaturrecherche mit allgemeinen epidemiologischen Untersuchungen aus Deutschland und Europa verglichen. Ergebnis: Es wurden insgesamt 274 Patienten erfasst, von denen 96% (n= 263) ausgewertet wurden, darunter 90 Kinder und Jugendliche. Das Durchschnittsalter lag bei 26 (0-93) Lebensjahren, 38% waren weiblich. Dem ophthalmologischen Notfall Ablatio retinae (H33.x) ließen sich 3,0% und der Diagnose Glaukom (H40.x) 1,9% zuordnen. 3,4% der Patienten fielen in die Gruppe der in Deutschland häufigsten Erblindungsursachen altersabhängige Makuladegeneration, diabetische Retinopathie und Glaukom. 6,4% hatten eine Katarakt (H25.x, H26.x, Q12.x). Im gesamten Kollektiv zeigten 7% einen malignen intraokularen Tumor (C69.x). Der Anteil der Patienten mit einer uveitischen Augenerkrankung betrug 3,8% (H15.x, H20.x, H30.x). 3,0% hatten eine hereditäre Netzhauterkrankung. Insgesamt wurden 31 Patienten wegen eines Traumas am Auge behandelt, davon 67,7% Männer. Schlussfolgerung: Ein Anteil von 34,2% der Behandelten waren Kinder und Jugendliche, der im Vergleich zur Gesamtbevölkerung einen höheren ambulanten Versorgungsbedarf in dieser Gruppe von Patienten mit Migrationshintergrund in der Augenheilkunde erfordert. Weiterhin zeigen die Studiendaten, dass männliche Patienten (67,7%) signifikant häufiger als weibliche (32,3%) wegen eines okulären Traumas behandelt wurden.
Matthias Gutfleisch (Münster)
Fragestellung: Sowohl für interne Qualitätsanalysen als auch für die externe Auswertung großer Versorgungsdaten ist die Erhebung von Daten aus elektronisch geführten Patientenakten von größtem Interesse. Neben der Erhebung (teil-)strukturierter Daten wie Sehschärfe oder Injektionsfrequenz ist die elektronische Extraktion von unstrukturierten Daten (Freitext) eine besondere Herausforderung, insbesondere die Zuordnung zum rechten oder linken Auge. Ziel der vorliegenden Studie war es, eine Methode zu entwickeln, um Daten aus elektronischen Patientenakten, die in verschiedenen Datenbanken strukturiert, teilstrukturiert oder unstrukturiert vorliegen, als regelbasierte strukturierte Informationen seitenrichtig zu extrahieren und die erhaltenen Daten in Bezug auf ihre Qualität zu evaluieren. Methodik: Mit einem Kooperationspartner (Westphalia DataLab, Münster) wurde mittels einer Textmining-Modellierungssprache eine Software entwickelt, die aus verschiedenen Datenbanken des Augenzentrums personen- und terminbezogenen Informationen bei AMD-Patienten mit einer IVOM-Therapie extrahierte. Bei der Auswertung von Freitextfeldern wurden Fachausdrücke und Seitenlokalisationen identifiziert. Nach manuellem Labeln wurde der Datensatz in einen Trainings- und einen Testdatensatz aufgeteilt. Die automatisierte Identifikation der Augenseite wurde unter Entwicklung von Regeln der automatisierten Zuordnung eines Terms zu einer Seite durchgeführt und iterativ verbessert. Die Größe des Testsets wurde statistisch so abgeschätzt, dass die Konfidenzintervalle der Schätzer für Genauigkeit und Empfindlichkeit mit einem Signifikanzniveau von 0,99 abgesichert waren. Ergebnisse: Die Auswertung des Trainingsdatensatzes ergab für die klinischen Informationen und die Seitenlokalisation eine Genauigkeit von 0,97 und Empfindlichkeit von 0,96. Die Testdatensatzauswertung zeigte für die gleichen Regeln eine leicht geringere Genauigkeit (-0,03), während die Empfindlichkeit leicht Anstieg (+0,01). Schlussfolgerungen: Mit Hilfe von regelbasiertem Text-Mining lassen sich aus unstrukturierten Freitext-Feldern einer elektronischen Patientenakte seitenrichtig strukturierte Informationen z.B. über die IVOM-Therapie bei AMD-Patienten extrahieren. Dies schafft eine hervorragende Basis, um automatisiert aus elektronischen Klinik-/Praxisdatenbanken relevante Daten für interne Qualitätsanalysen und externe Projekte der Versorgungsforschung zu erheben und große Datenmengen zu analysieren.
Karsten Kortüm (München/Ludwigburg)
Fragestellung: Ressourcen von Augenkliniken im Vereinigten Königreich werden zunehmenden durch eine steigende Anzahl von Überweisungen beansprucht. Ein Großteil der Überweisungen erfolgt durch Optometristen, die durch den Fortschritt der retinalen Bildgebung zunehmend Erkrankungen bereits im Frühstadium erkennen. Ein Fünf-Jahres Strategieplan des nationalen Gesundheitssystems [National Health Service (NHS)] soll ermöglichen, dass durch die digitale Transformation vorhandener Strukturen diese Mehrbelastung bewältigt und somit eine zeitgerechte Patientenversorgung gewährleistet wird. In dieser Studie präsentieren wir erste Ergebnisse einer Cloud-basierten Überweisungsplattform, die die Kommunikation zwischen Zuweisern und klink-basierten Augenärzten verbessern soll. Methodik: Diese retrospektive Studie wurde am Moorfields Eye Hospital, London, Vereinigtes Königreich durchgeführt. Alle inkludierten Patienten erfüllten die Zuweisungskriterien der teilnehmenden Optometristen zur Weiterbehandlung in einer Klinik. Endpunkt der Studie war die Anzahl von vermeidbaren Zuweisungen unter Verwendung einer neu eingeführten Cloud-basierten Überweisungsplattform. Ergebnis: Der Zugang erfolgt über eine web-basierte Benutzeroberfläche. 54 (52%) aller 103 eingeschlossenen Patienten benötigten keine Überweisung an die Klinik. Eine dringliche Überweisung zur weiteren Behandlung innerhalb von vier Wochen war bei 14 Patienten (14%) notwendig und 35 Patienten (34%) erhielten eine Routineüberweisung. Als Kriterium für die Benutzerfreundlichkeit wurde die Dauer für die Dateneingabe (Optometrist/In) und die Beurteilung (Augenarzt/Ärztin) herangezogen. Dies waren im Mittel 9.2 Minuten (1.2 bis 105.7 Minuten) für Optometristen und 3.0 Minuten (0.3 bis 9.0 Minuten) für Augenärzte. Die häufigste Diagnose war trockene altersbedingte Makuladegeneration (AMD) (n=34), gefolgt von neovaskulärer AMD (n=9), epiretinaler Membran (n=7) und choroidalem Nävus (n=7). Schlussfolgerung: Nach Einführung der Überweisungsplattform konnten mehr als die Hälfte aller Zuweisungen vermieden werden. Die Plattform bietet einen benutzerfreundlichen digitalen Lösungsansatz, um die Zusammenarbeit zwischen Zuweisern und Augenkliniken zu verbessern. Auch in Deutschland wäre die Implementierung eines solchen Systems hilfreich, um Überweisungen von niedergelassenen Augenärzten an Kliniken besser zu triagieren.
Michael Mülhaupt (Aalen)
Ziel: Ein Strich-Skiaskop mit angekoppeltem Smartphone wird dazu genutzt, skiaskopische Untersuchungstechniken, dabei auftretende Phänomene und typische Untersuchungsfehler in standardisierter Form zu dokumentieren und als Lehrvideo-Clips zu nutzen. Methoden: Ein Smartphone (iPhone SE, Fa. Apple, Cupertino/USA) wird über eine Kupplungsplatte mit einem Beta 200 Strich-Skiaskop (Fa. Heine, Herrsching/D) reversibel gekoppelt. Hierdurch ist es möglich, die optischen Phänomene auf dem Smartphone-Bildschirm darzustellen und auch aufzuzeichnen. Zur Stabilisierung der Aufnahmeverhältnisse wird der Akku-Griff des Smartphones mit einem 3-Achsen-Gimbal (also einer kardanischen Aufhängung: Zhiyun Crane Plus, Fa. Zhiyun, Guilin/China) verbunden. Somit kann die Untersuchungseinheit um alle Achsen ohne relevante Abstandsänderung gedreht werden. Eine Software-gestützte (Adobe Premiere Pro CC 2017, Fa. Adobe Systems Software Ireland Limited, Dublin/IRL) Nachbearbeitung der Videosequenzen ermöglicht es, Bewegungsartefakte weitgehend zu eliminieren. Ergebnisse: Mit vorgenanntem Versuchsaufbau sind bislang u.a. folgende optische Phänomene dokumentiert: Flackerpunkt, Mit- und Gegenläufigkeit, Scherenphänomen, astigmatische Ametropien sowie Auswirkungen von Abstandsänderungen (dynamische Skiaskopie). Schlussfolgerung: Die Smartphone-Videoskiaskopie ermöglicht es erstmals, die optischen Phänomene gleichzeitig für den Untersucher (Lernenden) und Trainer darzustellen, und zudem realitätsnahe Lehrvideos hoher Qualität mit vergleichsweise geringem Aufwand zu erstellen. Schlüsselwörter: Skiaskop, Videoskiaskop, Lehrvideo, Lehre, Smartphone
Alexander Schuster (Mainz)
Fragestellung: Sehbeeinträchtigende Augenerkrankungen nehmen mit dem Alter zu. Verschiedene Studien haben aufgezeigt, dass bei Seniorenbewohnern eine augenärztliche Unterversorgung besteht. Eine neue Gebührenordnungsposition zur Förderung der Versorgung in stationären Pflegeheimen wurde zum 01.07.2016 eingeführt. Ziel dieser Studie ist es, aufzuzeigen, ob es einen Unterschied zwischen Augenärzten mit und ohne Abrechnung einer extrabudgetären Vergütung für die „Vor-Ort“-Betreuung gibt. Methoden: Abrechnungsdaten der AOK Baden-Württemberg des Jahres 2017 wurden für eine deskriptiven Sekundärdatenanalyse genutzt. Die Studienpopulation bildeten alle Versicherten, die am 01.01.2017 bei der AOK BW versichert waren. Die Abrechnung des Aufsuchens eines Pflegeheims wurde gemäß Gebührenordnungsposition 37102, 37113 und 01415 analysiert. Versicherte, die am 01.01.2017 Leistungen der vollstationären Pflege erhielten, wurden als Pflegeheimbewohnern/Innen definiert. Der Anteil dieser zur Gesamtzahl der Patienten wurde berechnet und zwischen Augenärzten mit und ohne extrabudgetäre Abrechnung für die Betreuung im Pflegeheim verglichen. Ergebnisse: 1,35 % (57.427/4.262.470) aller Versicherten waren Pflegeheimbewohner. Von den 866 tätigen Augenärzt/Innen in Baden-Württemberg rechneten 16 (1,85 %) mindestens für einen Fall eine Betreuung im Pflegeheim im Jahr 2017 ab. Der Median der abgerechneten Fälle lag bei 23,5 Fällen. Augenärzte, die eine Betreuung im Pflegeheim abrechneten, betreuten mehr Pflegeheimbewohner (1,24 % vs. 0,92 %, p=0,006). Auch im Vergleich zu vor der Einführung der Vergütung, zeigte sich bei diesen Augenärzten eine Zunahme der betreuten Pflegeheimbewohner (0,87% auf 1,23%, p< 0,001). Aber auch alle Augenärzte betreuten im Zeitverlauf mehr Pflegeheimbewohner (0,52 % auf 0,93 %, p< 0,001) bei nur geringer Zunahme an Pflegeheimbewohnern (0,03%) insgesamt. Diskussion: Die Analyse der Abrechnungsdaten der AOK BW zeigen, dass ein geringer Anteil von Augenärzt/Innen eine Vor-Ort Betreuung in Pflegeheimen extrabudgetär abrechnet. Augenärzt/Innen mit einer solchen Vergütung haben unter Ihren Patienten einen höheren Anteil an Pflegeheimbewohner. Einschränkend ist anzuführen, dass vermutlich viele Augenärzte/Innen von der Möglichkeit dieser Vergütung keine Kenntnis haben und dies daher nicht abrechnet. Positiv zeigt sich, dass im Jahr 2017 mehr Pflegeheimbewohner ophthalmologisch betreut wurden als 2015.
Udo Hennighausen (Heide)
Fragestellung: Im Spektrum der klinisch-medizinischen Disziplinen kann man Ophthalmologie und Geriatrie an dessen beiden Enden verorten: Hier die organzentrierte Augenheilkunde, die sich schon früh als eigenständiges wissenschaftliches Fach etablierte, dort das vergleichsweise junge Querschnittsfach Geriatrie, welches primär klinisch orientiert war und als "Herz" das Konzept des Geriatrischen Assessments, des Comprehensive Geriatric Assessment (CGA), in sich trägt; das CGA als ein multidimensionaler interdisziplinärer diagnostischer Prozess mit dem Ziel, auf der Grundlage der medizinischen, psychologischen und funktionellen Gegebenheiten und Reserven eines alten Menschen einen koordinierten und integrierten langfristig angelegten Behandlungsplan zu entwickeln. So soll im Sinne des CGA versucht werden, durch die patientenorientierte Darstellung von visueller Beeinträchtigung im Alter eine Brücke zwischen beiden Fächern zu schlagen. Methodik: An fünf altersbezogenen Krankheiten - Katarakt, Altersabhängige Makuladegeneration (AMD), Diabetische Retinopathie, Glaukom und homonyme Hemianopsie aufgrund einer Schädigung der Sehbahn - sowie den visuellen Halluzinationen des Charles-Bonnet-Syndroms (CBS) als gemeinsames Syndrom bei geringem Sehvermögen oder gar Blindheit sollen die Sehbeeinträchtigungen im Alter dargestellt werden. Die Bedeutung des Uhrentests (Clock Drawing Test) als interdisziplinäres Tool soll hervorgehoben werden. Ergebnis: Die in der augenärztlichen Untersuchung gewonnenen Befunde werden zu den jeweiligen visuellen Beeinträchtigungen aus der Sicht der Betroffenen in Beziehung gesetzt. Unterschiede findet man bei der Darstellung von Gesichtsfeldausfällen bei Glaukom und Hemianopsie: In Abbildungen werden Gesichtsfeldausfälle oft mit schwarzer Farbe ausgefüllt dargestellt, einem positiven Skotom entsprechend, in Wirklichkeit liegt aber ein negatives Skotom vor oder der Gesichtsfeldausfall wird ähnlich dem an das Skotom angrenzend Gesehene vom Gehirn ausgefüllt. Ergänzend werden in Anlehnung an das Konzept des Geriatrischen Assessments Empfehlungen zur Hilfe im Alltag bei Sehbehinderung im Alter gegeben. Schlussfolgerung: Die Autorin und die Autoren möchten die dargelegte Sicht auf visuelle Beeinträchtigungen im Alter als Beitrag zur interdisziplinären Kommunikation zwischen Ophthalmologie und Geriatrie verstanden wissen, für den praktischen Alltag, für Unterricht und Lehre.
Xenia Berberich (Mainz)
Fragestellung: Erblindung stellt eine schwerwiegende Einschränkung des täglichen Lebens dar, denn unser Alltag ist in hohem Maße auf gutes Sehen angewiesen. Das deutsche Sozialsystem hat eine monatliche Unterstützung für Erblindete als „Nachteilsausgleich“ eingeführt, deren Höhe je nach Bundesland variiert. Im Rahmen dieser Arbeit werden die Häufigkeit für das Vorliegen der Blindengeldvoraussetzung bei Antragsstellung betrachtet und die zugrundeliegenden Pathologien untersucht. Methoden: Datenbasis der Studie bilden die in der Universitäts-Augenklinik Mainz erstellten Blindengeldgutachten der Jahre 2007 bis 2017. Wir werteten retrospektiv alle Anträge zum Bezug von Blindengeld von Personen aus Rheinland-Pfalz aus. ‚Blindheit‘ wurde nach dem Landesblindengeldgesetz beurteilt. Häufigkeiten und bestehende Pathologien wurden ermittelt. Hierzu wurde Alter und Geschlecht der Personen, der funktionelle Status (Visus, Gesichtsfeld), sowie die vorliegenden Pathologien dokumentiert. Ergebnisse: 782 Anträge zur Begutachtung wurden von 743 Personen gestellt und bewertet. 676 ophthalmologische Untersuchungen wurden durch den Landesblindenarzt durchgeführt, 106 Anfragen wurden nach Aktenlage entschieden. Bei 67,3 % (500 Personen) wurde der Antrag auf Blindengeld genehmigt, wobei 398 (79,6%) dieser Personen im Jahr der Antragsstellung mindestens das 60. Lebensjahr erreicht hatten. 81,2% (323 von 398 Personen) hatten beidseits eine Sehschärfe von ≤1/50 und erfüllten dieses Kriterium des Bundessozialhilfegesetzes. Bei 18,8% (75 Personen) zeigten sich in Zusammenschau der Befunde unter anderem durch die Gesichtsfeldprüfung die Voraussetzungen erfüllt. An ophthalmologischen Pathologien lagen bei den über 60-jährigen Personen mit Anspruch auf Landesblindengeld in 67,1% eine AMD vor, in 28,6% eine Katarakt, in 24,4% ein Offenwinkelglaukom, in 12,8% eine diabetische Augenerkrankung, in 8,0% eine ischämische Optikusneuropathie und in 6,3% eine pathologische Myopie. Schlussfolgerung: 2/3 der Personen, die einen Antrag auf Blindengeld gestellt haben, erfüllten die Voraussetzungen für den Bezug von Blindengeld. Primär erblinden ältere Personen: 80 % hatten das 60. Lebensjahr bereits erreicht. An vorliegenden Pathologien bei Erblindung sind primär die Volkskrankheiten AMD, Katarakt und Glaukom zu nennen. Inwieweit sich seit der flächendeckenden Einführung der IVOM-Therapie für die exsudative altersassoziierte Makuladegeneration eine Veränderung zeigte, werden zukünftige Analysen betrachten.
Vera Widmer (Freiburg)
Fragestellung: Im Allgemeinen wird über lange Wartezeiten auf einen ophthalmologischen Untersuchungstermin geklagt. Es steht daher zu vermuten, dass teilweise alternativ der augenärztliche Notfalldienst in Anspruch genommen wird. Dieser ist in der Region Südbaden seit 2011 an einem Universitätsklinikum angesiedelt. Dies ermöglicht die zentrale Auswertung der Inanspruchnahme. Ziel dieser Arbeit ist eine systematische Analyse des Diagnosenspektrums sowie von Indikatoren für eine adäquate Inanspruchnahme. Methodik: Aus dem Praxisinformationssystem der augenärztlichen Notfallpraxis wurden anonymisierte Epikrisen extrahiert. Konkret wurden zwei Zufallsstichproben à 500 Patienten gezogen, eine aus dem Jahr 2014 und die andere aus dem Jahr 2016. Diese Daten wurden manuell kodiert. Insbesondere wurden die Diagnose und die Vereinbarung einer Kontrolluntersuchung extrahiert. Die Daten wurden deskriptiv ausgewertet. Ergebnis: Die häufigsten Diagnosen waren unkomplizierte Bindehautentzündung (13%), Hornhautfremdkörper (11%), Hornhauterosio (11%), Hordeolum (7%), trockenes Auge (6%) und Hyposphagma (7%). Der Rest verteilte sich auf 22 weitere Diagnosen. In 63% bestand die Symptomatik mindestens seit einem Tag. In 74% wurde eine kontrollbedürftige Diagnose gestellt oder es wurde eine Kontrolluntersuchung anberaumt. Schlussfolgerung: Diese Daten deuten an, dass die augenärztliche Notfallpraxis xxx teilweise fehlbelegt ist. Jeder vierte Patient wäre möglicherweise mit einem elektiven Termin adäquat versorgt gewesen.

 
zurück