Augenheilkunde: Unser Fach mit Zukunft – Interview mit dem DOG-Präsident

Die DOG 2019 steht unter dem Leitthema „Augenheilkunde: Unser Fach mit Zukunft“. Der DOG-Präsident, Professor Dr. Claus Cursiefen, erklärt, warum er dieses Motto gewählt hat, welche Neuerungen es gibt und auf welche Highlights sich die Teilnehmer freuen können.

Interview mit dem Präsident der DOG Prof. Dr. Claus Cursiefen

Sie haben das Leitthema „Augenheilkunde: Unser Fach mit Zukunft“ für die DOG 2019 gewählt. Welche Botschaft wollen Sie damit setzen? 

Prof. Claus Cursiefen:
Eine Botschaft, die sich nach innen wie außen richtet. Trotz aller Widrigkeiten, die es in der Medizin immer wieder mal gibt, ist unser Fach faszinierend – bietet es doch die privilegierte Möglichkeit, das Sehvermögen unserer Patienten zu erhalten. Als praktisch tätige Augenärzte wissen wir das, wir müssen diese Wertigkeit aber auch aktiv gegenüber unseren Mitarbeitern und Studierenden kommunizieren! Das gilt ebenso für die Kommunikation nach außen, gegenüber Politik und Forschungsförderern: Die Augenheilkunde ist ein wichtiges Fach, das Volkskrankheiten behandelt, und aufgrund einer älter werdenden Bevölkerung einem wachsenden Versorgungsauftrag entgegensieht. Die Augenheilkunde bietet den Vorteil, sowohl konservativ als auch operativ tätig zu sein, sie ist voller spannender Entwicklungen – wir sind Vorreiter unter anderem in der Gentherapie – und eröffnet große Chancen durch die Digitalisierung. Kurz: ein Fach mit vielen Perspektiven. Deshalb haben wir auf dem Kongress drei Zukunftssymposien einberufen: ein gesundheitspolitisches, eines zu Aus- und Weiterbildung, eines zu „unmet needs“ in der Forschung. Wir wollen uns auf dem Kongress unseres Stellenwertes nach innen wie außen vergewissern. 

Es wird zwei neue Formate geben: die „Highlights in Translational Science“ und der „DOG International Experts Day“. Was erwartet die Kongressbesucher bei diesen Formaten?

Die beiden Formate leiten sich aus dem Motto „Unser Fach mit Zukunft“ ab. Die Zukunft ist offen und kann nur mit Forschung gestaltet werden. Probleme, die sich in der Behandlung auftun, müssen wir mit translationaler Forschung angehen, sie sind eigentlich nur interdisziplinär und in internationaler Zusammenarbeit zu lösen. In diesem Sinne will das Symposium „Highlights in Translational Science“ Kliniker und Wissenschaftler zusammenbringen. Klinisch tätige Augenärzte erfahren, in welchen Bereichen sich Laborforschung auf dem Weg ans Krankenbett befindet und in mittelfristiger Zukunft dem Patienten nutzen könnte. Umgekehrt sehen Naturwissenschaftler, welche Krankheiten man wie behandeln kann. Thematisch haben wir mit Hornhaut, Glaukom, Trockenem Auge und AMD vier Schwerpunkte gesetzt, in denen sich viel tut und Deutschland eine kritische Masse an Forschern vorweisen kann. In den Symposien gibt zunächst jeweils ein Vortrag einen State-of-the-Art-Überblick über die Klinik. Dann folgen drei bis vier kurze Vorträge von Naturwissenschaftlern oder Clinician-Scientists, die klinisch relevante Forschungsthemen vorstellen. Und es gibt in jeder Sitzung einen Preis für den besten Vortrag!

Der „DOG International Experts Day“ setzt unsere Internationalisierungsbestrebungen fort. Die DOG ist bereits sehr gut aufgestellt, Top-Experten aus aller Welt sind vor Ort. Jetzt wollen wir dem Zuhörer die geballte Kompetenz in einem Update-Format zugänglich machen. Dazu wird es am Freitag ein durchgehendes englischsprachiges Programm geben, alle Vorträge in einem Saal, von morgens bis abends. Diesen „Experts Day“ wollen wir interaktiv gestalten. Die Experten sollen entspannt ihre jeweilige Kernexpertise als Referat präsentieren, während vorne auf der Bühne zwei Moderatoren im Sessel sitzen und jederzeit Fragen stellen oder das Publikum zur Diskussion motivieren können. Wir bieten Gästen und Zuhörern damit von Donnerstag bis Samstag ein durchgehendes englischsprachiges Programm, was den internationalen Austausch sicherlich weiter fördert. 

Auf welche weiteren wissenschaftlichen Highlights dürfen sich die Teilnehmer freuen?

Da möchte ich die Keynote Lectures anführen! Am Samstag spricht Professor Dimitri Azar, Chief Medical Officer der Google/Alphabet-Tochter Verily, über Künstliche Intelligenz und das Auge. Verily ist bei Google/Alphabet für medizinische Applikationen zuständig. Dimitri Azar ist selbst Augenarzt, ein Hornhaut-Spezialist, und wird spannende Projekte aus dem Bereich Augenheilkunde präsentieren, darunter die intelligente Kontaktlinse, neue Entwicklungen zum Netzhaut-Imaging und zur digitalen Auswertung von Netzhaut-Bildern, zur Präzisionsmedizin. Am Freitag hält Professor Michael Bach aus Freiburg die Albrecht-von-Graefe-Vorlesung über optische Wahrnehmung, über subjektive und objektive Sehschärfe – Michael Bach hat ein Computerprogramm entwickelt, das die Sehschärfe halbautomatisch DIN-gerecht ermittelt. Den Reigen der Keynote Lectures eröffnet am Donnerstag Professor Jesper Hjortdal aus Dänemark. Hjortdal ist Präsident der European Society of Cornea und Ocular Surface Disease Specialists EUCORNEA und berichtet über neue Entwicklungen und Studien auf dem Gebiet Keratokonus. Das ist ja ein spannendes Thema, seit Crosslinking im EBM aufgenommen wurde. Und ich bin natürlich neugierig, wie die neuen Formate „DOG International Experts Day“ und „Highlights in Translational Science“ ankommen!

Was ist aus Ihrer Sicht in diesem Jahr besonders relevant für die Praxis? Wie steht es um die Zukunft in Klinik und Praxis? 

Natürlich findet wieder das bewährte „DOG-Update – State of the Art 2019“ statt, und zusätzlich bieten wir den „DOG International Experts Day“ an. Der niedergelassene Kollege, der an klinisch relevanten Themen interessiert ist, kann sich also von Freitag bis Sonntag an drei Tagen komprimiert auf den neuesten Stand bringen lassen. Lohnenswert dürfte der Besuch des „DOG Forum digital“ sein, dort erhält man praktische Tipps für die Digitalisierung in der Praxis; mit dem Forum führen wir übrigens das Schwerpunktthema aus dem vergangenen Jahr fort, nun durchgehend über drei Tage in der Industrieausstellung. Empfehlenswert ist sicherlich auch das Symposium zur Zukunft der ambulanten und stationären Versorgung. Dort diskutieren wir über sich verändernde Strukturen. Die Augenheilkunde wird ja insgesamt weiblicher, subspezialisierter, zunehmend sind Teilzeit-Modelle gefragt. Auch über die investorengetriebene Medizin werden wir sprechen, engt sie doch die Berufsperspektiven des Nachwuchses zunehmend ein: Wer heute an einem attraktiven Standort sein Glück in einer freien Praxis suchen will, hat große Probleme, mit den Preisen der Ketten mitzuhalten. Die DOG hat sich in einer Stellungnahme ganz klar gegen Auswüchse dieser renditegetriebenen Medizin gewandt. 

Ihr persönlicher Tipp für den Kongress? Auf welchen Programmpunkt freuen Sie sich besonders?

Ich freue mich auf die Eröffnungsveranstaltung mit Frau Professor Pascale Ehrenfreund, der Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Sie wird mit ihrem Vortrag „Mission Mars: Spitzenforschung im Weltall“ einen motivierenden Blick über den Tellerrand hinaus ermöglichen, hinein in einen Bereich, in dem es viel um Visionen geht: Wo wollen wir hin, was muss man dransetzen, um ein Ziel zu erreichen? Diese Fragen sind auch für uns wichtig, die wir die Medizin weiter verbessern wollen. Zudem sieht sich auch die Weltraumfahrt mit ophthalmologischen Fragestellungen konfrontiert, etwa mit der „Space-eye-disease“. Dabei handelt es sich um ein relativ neues Problem, das bei Langzeiteinsätzen im All auftaucht: Astronauten bekommen eine Stauungspapille, die zu Sehverschlechterung führt. DLR und NASA haben dazu jetzt Studien aufgelegt. Äußerst gespannt bin ich, wie schon erwähnt, auf die Keynote von Dimitri Azar. Er ist auf augenärztlicher Seite sicherlich der exponierteste Vertreter für Big Data überhaupt, kann neue Ideen zudem bei Google direkt umsetzen. Flankiert wird Azar am Samstag von der früheren Justiz- und Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries, die über die Rolle Deutschlands und Europas beim Digitalisierungsprozess sprechen wird; eine interessante Ergänzung, wie ich finde. Und schließlich zählt der DOG-Gesellschaftsabend im TIPI zu meinen Highlights – ein entspannter Kongressausklang, bei hoffentlich schönem Wetter auf einer wunderbaren Dachterrasse mit direktem Blick aufs Kanzleramt.